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6. Kapitel

6


Während der ersten paar Tage wunderte sich Jurij nur ein wenig darüber, dass ihn Natalja nicht besuchen kam. Doch als eine Woche vergangen war, und sie sich noch immer nicht hatte blicken lassen, begann er, sich Sorgen zu machen. Er hätte sich zumindest irgendeine kleine Nachricht erwartet, in der sie ihm mitteilte, was los war. Doch nichts kam. Es war, als ob Natalja ganz einfach vom Erdboden verschwunden wäre.
Einmal nahm Jurij den langen Weg quer durch die ganze Stadt auf sich, und stand schließlich vor der riesigen Villa, in der Natalja wohnte. Er traute sich aber nicht, zu läuten und nach Natalja zu fragen. So stand er nur eine Weile vor dem schmiedeeisernen Tor und blickte hinauf zu den Fenstern der Villa. Einmal bewegte sich im ersten Stock ein Vorhang und für einen Moment hatte Jurij das Gefühl, dass jemand zu ihm herunterschaute. Doch er konnte niemanden am Fenster entdecken und es geschah auch nichts weiter. Schließlich kam ein Mann im schwarzen Anzug aus dem Haus und vertrieb Jurij, der ihm wohl verdächtig vorgekommen war. Niedergeschlagen machte sich Jurij auf den Weg nach Hause.

Es verging noch eine Woche, dann eine weitere, und Jurij, der anfangs fürchterlich unter der Trennung von Natalja gelitten hatte, fand sich irgendwie damit ab, dass er sie verloren hatte. Insgeheim dachte er manchmal, dass Natalja ganz einfach genug von ihm und seiner ärmlichen Existenz gehabt hatte. Und obwohl er daran nicht so recht glauben konnte, verwandelte sich seine Trauer um Natalja langsam in Wut auf sie, und er wurde immer verbitterter.

Schließlich ergab er sich wieder in sein eintöniges Leben, das nun umso schlimmer war, weil er eine Alternative dazu kennengelernt hatte.
Er versuchte, so wenig wie möglich zuhause zu sein, und trieb sich bis spät abends in den Straßen von St. Petersburg herum. Obwohl er es sich nicht eingestand, hoffte er insgeheim, bei diesen Wanderungen einmal auf Natalja zu treffen. Doch auch diese kleine Hoffnung wurde enttäuscht.
Inzwischen ging er auch wieder regelmäßig auf den Alexanderplatz, um seine Bilder zu verkaufen. Das Geschäft lief noch schlechter als gewöhnlich, denn um diese Jahreszeit waren kaum Touristen in der Stadt.
Eines Nachmittags packt er, wie so oft, nach ein paar ergebnislosen Stunden seine Sachen ein, und machte sich auf den Heimweg. Als er an einem Zeitungskiosk vorbei kam, blieb er für einen Moment stehen, um sich die Titelseiten der ausgehängten Tageszeitungen und Magazine anzusehen. Es gab keine sonderlich interessanten Neuigkeiten. Doch dann entdeckte er auf dem Titelbild einer lokalen Zeitung ein Foto, das ihn dazu brachte, die Zeitung aus dem Ständer zu ziehen und sie sich näher anzusehen. Das Foto zeigte ein junges Paar und die dazugehörige Schlagzeile lautete: „Das neue Traumpaar: Natalja Morricone und Aleksej Iwanowitsch“ Jurij wollte gerade beginnen, den Artikel zu lesen, doch da kam der Zeitungsverkäufer aus dem Kiosk und sagte:
„Das ist hier keine Bibliothek. Erst kaufen, dann lesen!“
So sah sich Jurij gezwungen, das meiste von dem Geld, das er an diesem Tag verdient hatte, sofort wieder auszugeben, denn er wollte den Artikel unbedingt lesen. Als er die Zeitung endlich in Händen hielt, starrte er zuerst für eine Weile wie in Trance auf das Foto. Es zeigte Natalja, die ein violettes Cocktailkleid trug, neben einem breitschultrigen jungen Mann mit kantigem Gesicht. Jurij war zu aufgeregt, um den Text gründlich zu lesen, doch was er mitbekam, war, dass Natalja, offenbar die Nichte eines reichen Geschäftsmanns, mit dem 28-jährigen Sohn eines Großindustriellen verlobt war. Sie hatten sich vor einigen Monaten auf einem Empfang kennengelernt, und schon in vier Wochen sollte die Hochzeit stattfinden.
Deshalb hat sie sich also nicht mehr gemeldet, dachte Jurij.
Er fühlte sich innerlich leer, als er nach Hause ging. Die Zeitung hatte er weggeworfen. Er ertrug es nicht, Nataljas Gesicht zu sehen.
In seiner Wohnung sammelte er alle Portraits ein, die er von Natalja hatte,  und stopfte sie, da er es nicht übers Herz brachte, sie zu vernichten, in den hintersten Winkel seines Kleiderschranks. Doch selbst dort ertrug er ihre Anwesenheit nach einer Weile nicht mehr und so zerrte er sie wieder hervor und warf sie ihn den Ofen, wo er ihnen beim Verbrennen zusah. Danach legte er sich ins Bett und verließ es für drei ganze Tage und Nächte nur, um aufs Klo zu gehen oder ein Glas Wasser zu trinken. Als er nach drei Tagen schließlich um vier Uhr morgens aufstand, fühlte er sich schwach und ausgelaugt.
Trotzdem verließ er seine Wohnung, und taumelte durch die menschenleere Stadt, bis er irgendwann auf einer Brücke über die Newa stand. Er stieg halb über das Brückengeländer, einen Fuß hatte er noch auf sicherem Grund, der andere schwebte in der Luft. So verharrte er eine Weile auf dem Geländer sitzend. Schließlich schwang er das eine Bein zurück und stand wieder auf festem Boden. Das war keine im eigentlichen Sinne lebensbejahende Geste, er fühlte nur, dass es ein übereilter Schritt gewesen wäre, jetzt zu springen. Und ein kleines Stimmchen in seinem Kopf sagte auch: Das ist sie nicht wert.
Jurij ging weiter, und langsam wurden die Straßen etwas belebter. Als die Sonne aufging,  bemerkte Jurij etwas, dass ihm fürchterlich ironisch erschien: es war Frühling. Bäume blühten, Vögel zwitscherten, und es war wärmer geworden. Jurij hatte den Jahreszeitenwechsel bisher kaum bemerkt, und ausgerechnet jetzt sprang ihm der Frühling geradezu ins Gesicht, die Zeit der Liebe, der Hoffnung, des Neubeginns. Nur eine weitere kleine Grausamkeit des Lebens.

Im Grunde genommen war Jurij zu dem Leben zurückgekehrt, das er geführt hatte, bevor er Natalja kennengelernt hatte. Nur, dass jetzt alles etwas extremer war, als zuvor. Er schlief kaum, aß unregelmäßig und selten und trank viel mehr als früher. Nach einer Weile gab er sogar das Zeichnen auf, weil ihm nichts mehr gelang. Er wusste zwar, dass er sich langsam selbst zugrunde richtete, unternahm aber nichts, um etwas daran zu ändern. In gewisser Weise war er sogar zufrieden.
Innerhalb kürzester Zeit hatte Jurij wieder riesige Schulden bei Igor. Er plante nicht, diese zurückzuzahlen und ließ sich auch durch nichts, nicht einmal durch Gewaltandrohungen, dazu bewegen. Er wollte nur immer noch mehr Geld.
Irgendwann weigerte sich Igor, ihm noch mehr zu geben. Er hatte allerdings einen Vorschlag für Jurij. Igor hatte einen Einbruchsplan, für den er noch einen Komplizen brauchte. Wenn Jurij mitmachte, würde er einen Anteil der Beute bekommen.

12.2.09 17:04


Es geschah in einer Petersburger Straßenbahn: Kapitel 1 - 5

1


Das Mädchen war Jurij Tarrassow sofort aufgefallen, als er in die Straßenbahn eingestiegen war. Es war vielleicht 17 Jahre alt und auffallend elegant gekleidet. Die schöne Figur war in einen schwarzen Mantel gehüllt, unter dem der Saum eines violetten Kleides oder Rocks vorblitzte, die schlanken Beine und zierlichen Füße steckten in schwarzen Strumpfhosen und Lederstiefeln, und auf dem tiefschwarz glänzenden Haar trug das Mädchen eine violette Baskenmütze.

Im Moment fragte er sich aber nur, was die blauäugige Schöne um diese Zeit allein in der Straßenbahn machte, denn es war schon bald Mitternacht. Sie ging ein gewisses Risiko ein, denn in St. Petersburg trieb sich allerlei zwielichtiges Gesindel herum. Die feine Kleidung konnte durchaus Räuber anlocken, ganz zu schweigen von anderen Begierden, die der zarte Körper des Mädchens sicherlich bei Männern weckte. Und um diese Uhrzeit fuhr auch kein Schaffner mehr in den Zügen mit. Es lohnte sich bei so wenigen Fahrgästen nicht mehr und die Verwaltung von Sankt Petersburg musste sparen.

Jurij war nicht der geringsten Gefahr durch Räuber ausgesetzt. Seine Kleidung war zerknittert und an manchen Stellen war der Stoff schon recht dünn geworden. Wie immer war er unrasiert und seine braunen Haare waren schon viel zu lange nicht mehr ordentlich geschnitten worden. Einst hatte auch er ein anderes Leben geführt und Kleider getragen, die mindestens so elegant wie die des Mädchens gewesen waren. Doch das war lange her.

Er beobachtete das Mädchen weiter. Es saß auf dem zerschlissen Ledersitz, die Beine elegant überschlagen, und lies durch seine adrette Erscheinung die Umgebung nur noch schäbiger erscheinen.

Schon zwei Haltestellen weiter schienen sich Jurijs Befürchtungen  scheinbar zu erfüllen. Ein ziemlich betrunkener Mann stieg ein. Doch er beachtete das Mädchen nicht, hatte es vielleicht auch gar nicht gesehen. Stattdessen setzte er sich zu einer jungen Frau, dem einzigen anderen Fahrgast außer Jurij und dem Mädchen. Sie war einfach gekleidet und wahrscheinlich eine Fabrikarbeiterin auf dem Heimweg. Es dauerte nicht lange, bis der Betrunkene begann, die Frau zu belästigen. Sie ließ es eine Weile über sich ergehen, ignorierte ihn. Jurij, der fassungslos zusah, wollte mehrmals aufstehen und etwas sagen um der Frau zu helfen, doch irgendwie traute er sich nicht recht. Er redete sich ein, dass sie ja auch ganz gut allein zurecht zu kommen schien.

Doch dann änderte sich die Situation plötzlich. Der Mann wurde immer zudringlicher und griff der Frau auf den Oberschenkel. Sie schob seine Hand beiseite, was ihn aber nicht zu stören schien, denn er griff ihr jetzt an die Brust. Empört gab ihm die Frau eine Ohrfeige. Überrascht hielt sich der Betrunkene einen Moment die Backe, dann schlug er zurück. Der Schlag war so hart, dass die Frau vom Sitz fiel und benommen am Boden hockte.

Jurij sprang auf. Endlich hatte er genug Mut gesammelt, um etwas zu tun. Der andere Mann war zwar viel bulliger und stärker als er selbst, aber vielleicht schaffte er es wenigstens ihn lang genug festzuhalten, damit die Frau aussteigen konnte. In wenigen Minuten würden sie zur nächsten Haltestelle kommen. Doch jemand kam Jurij zuvor, bevor er überhaupt irgendetwas tun konnte. Das junge Mädchen im schwarzen Mantel war aufgestanden und ging auf den Mann zu, der gerade mit einem Fuß nach der Frau am Boden trat. Dadurch kam er etwas aus dem Gleichgewicht und schwankte. Und genau diese Schwäche nutzte das Mädchen aus. Es rammte ihn mit einer solchen Wucht, dass er umkippte. Noch während er fiel, gab es ihm einen heftigen Tritt in den Unterleib. Der Mann fiel zusammengekrümmt auf den Boden. „Schwein!“, schimpfte das Mädchen.

Dann packte es die andere Frau, die sich inzwischen aufgerappelt hatte, am Arm und zog sie mit sich Richtung Zugtür. Im Laufen schlug es auf einen der Halteknöpfe, um den Zug zum Stehen zu bringen. Sie hatten Glück. Die Haltestelle war nur noch wenige Meter entfernt. Doch während die beiden jungen Frauen noch zitternd an der Tür darauf warteten, dass der Zug endlich stehen blieb, war der betrunkene Mann langsam wieder auf die Beine gekommen. Schwankend rannte er los. Er stieß zwar immer wieder gegen Sitze, kam aber doch zu schnell vorwärts. Er würde es noch bis zu den Frauen schaffen, bevor der Zug stoppte.
Jurij war bis jetzt wie versteinert dagestanden, doch als der Mann an ihm vorbei rannte, handelte er schnell. Er streckte sein Bein aus, der Mann fiel darüber, und knallte mit einer solchen Wucht auf den Boden, dass der Wagon richtiggehend erzitterte. In diesem Moment hielt endlich der Zug an, sodass die Frauen aussteigen konnten. Die schwarzhaarige stützte die andere, die fast zusammen brach.
„Na warte, du kleines Arschloch!“, grunzte der auf dem Boden liegende Mann, dem Blut aus der Nase rann, und versuchte, sich vom Boden hochzustemmen. Jurij begriff, dass es nun auch für ihn Zeit wurde, abzuhauen. Er rannte los, und konnte gerade noch hinaus springen, bevor sich die Türen schlossen und der Zug wieder losfuhr. Der Betrunkene aber musste drinnen bleiben und trommelte wütend mit den Fäusten gegen die Tür.
Jurij sah sich um. Es dauerte etwas, bis er das schwarzhaarige Mädchen entdeckte, das keuchend an einer Hausecke lehnte. Die andere Frau war offenbar weggerannt. Langsam näherte er sich dem Mädchen.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er.
„Nein! Kannst du nicht. Vorher hättest du mir helfen sollen, du verdammter Feigling!“ Sie spuckte vor ihm auf den Boden und ging hocherhobenen Hauptes davon.

2

Eigentlich hatte Jurij Tarrassow den Kommunismus ganz gern gemocht. Denn dieses eigentlich nicht funktionsfähige politische System hatte ihn zumindest mit einer kleinen Wohnung und einem, wenn auch unerträglich langweiligen Fabriksarbeiterjob versorgt. Die Wohnung hatte er noch, aber nur, weil ihn der Vermieter dort solange für eine sehr niedrige Miete wohnen ließ, bis sich jemand anderes für die Wohnung interessierte (was bei dieser halb zerfallenen Absteige wohl nicht so schnell geschehen würde). So verhinderte der Vermieter, dass sich Obdachlose in dem Haus breitmachten und Jurij, sowie einige andere Mieter hatten ein, wenn auch löchriges, Dach über dem Kopf.
Das wenige Geld, das Jurij zum Leben brauchte, verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs, zugebenermaßen auch ein paar kleinen Gaunereien, und indem er selbstgezeichnete Bilder an die spärlichen Touristen und ganz selten auch and Einheimische verkaufte.
An einem grauen Sonntagvormittag stellte er wieder einmal seine kleine Staffelei und seinen Klappstuhl am Alexanderplatz auf und breitete darum herum ein paar Bilder aus. Zum Glück war es trocken und windstill, sodass er sie einfach so auf den Boden legen konnte. Allerdings war es eisig kalt. Auf dem Weg hierher hatte sich Jurij eine Flasche Wodka besorgt. Es war billiger Fusel, die Art, bei der man sich nicht sicher sein konnte, ob man davon nicht früher oder später blind werden würde. Aber zumindest wärmte der Alkohol innerlich ein wenig.

Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, da bereute Jurij schon, überhaupt hergekommen zu sein. Niemand interessierte sich für seine Bilder und es wurde immer kälter. Anfangs hatte er sich noch damit beschäftigt, schnelle Skizzen von vorübergehenden Leuten zu machen, es aber schnell aufgegeben, weil seine Finger zu kalt und klamm wurden. Schließlich wollte er aufgeben und sich auf den Weg zurück in seine Wohnung machen. Dort war es zwar auch nicht viel wärmer als draußen, aber er konnte sich zumindest in ein paar Decken wickeln und ins Bett legen. Er fing gerade an, seine Sachen zusammenzupacken, als er zwei Frauen bemerkte, die sich mitten auf dem Platz stritten. Die eine war schon älter, vielleicht Anfang fünfzig, hatte braune Haare, die von weißen Strähnen durchzogen waren und war leicht übergewichtig. Gerade redete sie wütend auf ihr Gegenüber ein:
„Natalja, ich sage es zum letzten Mal: dein Verhalten ist inakzeptabel. Wenn dein Onkel davon erfährt…“
Die andere Frau, die viel jünger war, stand mit trotzig verschränkten Armen da und sagte:
„Ach, ja? Was soll dann passieren?“
Diese Frau kam Jurij irgendwie bekannt vor. Er überlegte, wo er sie schon einmal gesehen haben könnte. Sie sah nicht so aus, als würde sie sich in Gesellschaftskreisen bewegen, zu denen er Zugang hatte. Dann fiel es ihm plötzlich ein. Es war das Mädchen, dem er vor gut einer Woche in der Straßenbahn begegnet war. Natalja - so hieß sie also. Jurij wusste noch genau, wie wütend sie ihn mit ihren blauen Augen angestarrt hatte. Er schämte sich immer noch für seine Feigheit und wollte am liebsten schnell verschwinden, bevor sie ihn entdeckte. Doch genau dazu hatte er keine Chance. Denn Natalja ließ die andere Frau nun einfach stehen und marschierte mit zielstrebigen Schritten ausgerechnet in Jurijs Richtung. Er starrte sie an, während sie immer näher kam. Da stand sie auch schon direkt vor ihm, lächelte ihn kurz an und betrachtete dann seine Bilder:
„Wie viel kostet das?“, fragte sie und deutete auf ein mit Kohle gemaltes Portrait eines alten Mannes. Jurij nannte absichtlich einen übertrieben hohen Preis um das Mädchen zu verscheuchen. Doch dieses nickte nur, versuchte nicht einmal zu handeln, sondern zog einfach einen schwarzen Ledergeldbeutel aus der Jackentasche. Natalja gab Jurij zwei Geldscheine, die den zu zahlenden Betrag sogar deutlich überstiegen und sagte:
„Passt schon so.“
Jurij bedankte sich mehrmals und machte sich daran, das Bild einzurollen und mit Bindfaden zu verschnüren. Er konnte es zwar kaum glauben, aber offenbar hatte ihn Natalja immer noch nicht erkannt.
Doch als er ihr das Bild gab, sah sie ihn einen Moment an, und sagte dann leise:
„Ich muss mich für diese Szene an der Haltestelle entschuldigen. Ich hätte Sie nicht so beschimpfen sollen. Wenn Sie dem Typen nicht das Bein gestellt hätten, wären wir nie rausgekommen.“
Dann drehte sie sich um und ging mit dem eingerollten Bild unterm Arm quer über den Platz zurück zu der anderen Frau, die sich nicht von der Stelle gerührt und einfach gewartet hatte. Offensichtlich war sie an Nataljas Eskapaden gewöhnt, und wusste nicht wirklich, was sie dagegen tun sollte.
Während Jurij Natalja nachstarrte, tastete er geistesabwesend in seiner Jackentasche nach den Geldscheinen. Es war genug, um seine Miete für die nächsten zwei Monate zu bezahlen. Das knisternde Papier fühlte sich zwischen seinen Fingern sehr angenehm an. Doch plötzlich spürte er da noch etwas, ein kleineres, härteres Stück Papier. Er zog es vorsichtig heraus – eine Visitenkarte. Sie musste wohl zwischen den Geldscheinen gesteckt haben.
In goldenen Buchstaben stand darauf: „Natalja Morricone“ und danach eine Adresse im teuersten Wohnviertel der Stadt. Jurij umschloss das Stückchen Papier mit beiden Händen, als wolle er es wärmen. Er war sich nicht sicher, ob Natalja ihm ihre Visitenkarte absichtlich gegeben hatte oder ob sie einfach zwischen die Geldscheine gerutscht war. Was er aber sicher wusste, war, dass es nicht viele Mädchen in Nataljas Alter gab, die schon eigene Visitenkarten hatten.

3

Jurij machte sich sehr bald nach der Begegnung mit Natalja auf den Heimweg. Weil er es in seiner kleinen Wohnung aber nie besonders lange aushielt, verließ er sie trotz der Kälte später noch einmal und streifte für eine Weile ziellos in der Stadt herum. Er nahm Bleistift und Skizzenblock mit, für den Fall, dass er irgendwo ein lohnendes Motiv entdeckte, wusste aber eigentlich schon im Vorhinein, dass er ohnehin nichts zeichnen würde.
Während er so dahinwanderte, musste er unfreiwillig immer wieder an Natalja denken. Ihr Gesicht stand ihm deutlich vor dem inneren Auge, doch als er abends, wieder in seiner Wohnung, versuchte, sie aus dem Gedächtnis zu zeichnen oder zumindest ihre Gesichtszüge halbwegs richtig zu skizzieren, gelang es ihm nicht. Schließlich gab er auf, trank den letzen Rest Wodka, der von der Flasche übrig geblieben war und ging wenig später schlafen. Nataljas Visitenkarte steckte er in ein Buch, damit sie nicht verloren gehen konnte. Vielleicht würde er sie ja irgendwann brauchen.

Eigenartigerweise war es Natalja, die ihn besuchen kam, anstatt umgekehrt, und zwar schon am nächsten Abend. Er hatte nicht die geringste Idee, wie sie seine Adresse herausgefunden hatte und fragte auch nicht danach. Irgendwie war ihm dieses Mädchen ein wenig unheimlich.

Jurij saß gerade in sich zusammengesunken am Küchentisch, als es an der Wohnungstür klopfte. Er hatte schon wieder einiges an Wodka intus. Normalerweise kam es selten vor, dass er sich an zwei Abenden hintereinander betrank, aber an diesem Tag hatte er sich einsam und nutzlos gefühlt und die Flasche mit dem glasklaren Inhalt war einfach zu verlockend gewesen.
Als es nun an der Tür klopfte, tauchten in seinem benebelten Kopf gleich mehrere Möglichkeiten auf, wer das sein konnte und eine war schlimmer als die andere. Unter anderem fiel ihm da ein gewisser Igor ein, dem er ziemlich viel Geld schuldete, aber auch die Polizei. Zuerst wollte er die Tür gar nicht öffnen, als aber ein weiteres Klopfen zu hören war, überwand er sich und ging aufmachen. Wer auch immer da draußen stand, wusste ohnehin, dass Jurij zuhause war und würde wahrscheinlich auch nicht zögern, die Tür einzuschlagen, wenn sie nicht freiwillig geöffnet wurde.
Vorsichtig machte Jurij die Tür einen Spalt auf und spähte hinaus auf den Gang. Innerlich schon darauf vorbereitet, sich gleich der Mündung einer Waffe gegenüberzusehen, war er mehr als überrascht und erleichtert, als ihn nur ein Paar blauer Augen anblickte. Trotz seines alkoholbedingt langsam reagierenden Gehirns brauchte er nicht einmal eine Sekunde um die Augen und das dazugehörige Gesicht zu erkennen.
„Natalja!“, stieß er ungläubig hervor.
„Ganz genau. Hallo!“, antwortete sie lächelnd. Dann wedelte sie mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, als wollte sie einen unangenehmen Geruch verscheuchen und sagte: „Wow, von dem Atem allein könnte man schon betrunken werden.“
Er schaffte es geradeso, ein kleines, beschämtes Lächeln zustande zu bringen.
„Darf ich reinkommen?“, fragte Natalja jetzt.
„Oh, natürlich. Klar.“ Er trat einen Schritt zurück, wobei er fast über seine eigenen Füße stolperte und öffnete die Tür ganz. Natalja trat ein, musterte ihn für einen Moment ganz genau und meinte dann:
„Vielleicht nicht der richtige Abend für einen Besuch.“
„Doch, doch. Kein Problem. Wollen Sie nicht in die Küche kommen? Dort ist es wärmer.“ Er fragte sich, ob er lallte. Seine Zunge schien merkwürdig langsam zu reagieren.
„Gerne. Aber können wir nicht du zueinander sagen? Immerhin haben wir schon einiges miteinander erlebt.“ Während sie dies fragte, nahm sie ihren violetten  Schal ab und knöpfte den schwarzen Mantel auf, den Jurij ja schon kannte.
„Doch, natürlich. Warum nicht?“, beeilte er sich zu sagen. „Also, ich heiße übrigens Jurij.“
„Danke, weiß ich schon.“ Sie lächelte wieder auf diese unergründliche Art, die schon fast ihr Markenzeichen zu sein schien. Woher kannte sie nur seinen Namen?
„Na gut. Also…“, er zeigte Richtung Küchentür und ließ Natalja den Vortritt. Sie betrat die Küche, sah sich kurz um, hängte Schal und Mantel über die Lehne eines der Küchenstühle und setzte sich dann.

„Möchtest du vielleicht etwas trinken?“, fragte Jurij, der sich alle Mühe gab, als guter Gastgeber zu erscheinen, auch wenn es ihm kaum gelang.
„Vielleicht ein Glas von dem da.“ Sie deutete grinsend auf die Wodkaflasche. Er bemerkte die Ironie in ihrer Stimme aber nicht, und sagte sofort:
„Das solltest du nicht trinken. Ist scheußliches Zeug.“
„Na gut.“ Sie lächelte. „Dann bitte ein Glas Wasser.“
„OK.“ Er füllte Wasser in ein Glas, wobei er sorgfältig darauf achtete, auch wirklich ein sauberes ohne Fingerabdrücke darauf zu verwenden. Auch für sich selbst füllte er noch ein Glas, stellte sie beide auf den Tisch, räumte die Wodkaflasche weg und setzte sich dann Natalja gegenüber. Sie nahm einen Schluck Wasser, stellte das Glas wieder ab, hielt es aber weiter mit ihren schlanken Fingern umfasst. Sie sah Jurij einen Moment lang forschend an. Offensichtlich war deutlich erkennbar, was er dachte denn sie sagte:
„Lass mich raten: Du fragst dich, was ich eigentlich hier will.“
Naja…“, murmelte er ein wenig hilflos.
Sie lächelte, ließ dann das Glas los, legte ihre Hände übereinander und begann:
„Ich war gerade unterwegs und wollte dich einfach mal besuchen.“
„Gerade unterwegs? Aber…“
„Es ist doch mitten in der Nacht? Wolltest du das sagen?“ Als er nickte, meinte sie: „Ich mache oft in der Nacht solche kleinen Spaziergänge und laufe einfach ein bisschen herum.“
„Hast du nie Angst?“
„Nein, eigentlich nicht. Wovor sollte ich Angst haben?“
„Ja, stimmt. Ich habe ja gesehen, dass du dich gut verteidigen kannst.“
„Tja… Aber ich hatte schon ein paar unangenehme Erlebnisse. Seitdem bin ich etwas vorsichtiger.“ Sie nahm noch einen Schluck Wasser. In dieser kurzen Pause schaffte es Jurij endlich, genug Mut für eine Frage aufzubringen, die er schon die ganze Zeit hatte stellen wollen: „Du weißt ja, dass ich gern zeichne. Dürfte ich vielleicht…?“
„Mich zeichnen?“
„Ja. Nur eine kleine Skizze.“
„Klar. Von mir aus gern.“
„Wirklich?“
„Ja, ich bin ein gutes Modell. Mein Onkel hat einmal ein Portrait von mir malen lassen. Da musste ich stundenlang ganz starr dasitzen.“
„Oh, dass musst du jetzt natürlich nicht. Ich zeichne ganz schnell.“
„Nur keine Eile. Aber wenn es geht, sollte ich vor morgen Früh daheim sein. Bevor jemand merkt, dass ich weg war.“
„Ich brauche wirklich nicht lange. Nur 10 Minuten oder so.“

Etwas länger dauerte es schließlich doch. Aus der geplanten schnellen Skizze wurde ein ziemlich gründlich ausgearbeitetes, detailreiches Portrait. Ab und zu sah Jurij Natalja auch einfach nur für eine Weile an und bewunderte sie heimlich. Er zeichnete sie genau so, wie sie ihm gegenübersaß, in ihrem lila Rollkragenpullover, mit leicht verwuschelten Haaren und leuchtenden Augen. Sie hielt brav still und erzählte von Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, die sie während ihrer nächtlichen Streifzüge schon gehabt hatte. Er konnte aber nicht richtig zuhören, weil er vollständig auf das Bild konzentriert war. Als es halbwegs fertig war, verabschiedete sich Natalja. Sie wollte daheim noch ein paar Stunden schlafen, damit am nächsten Tag niemand Fragen wegen ihrer Müdigkeit stellte. Das Bild ließ sie da und versprach, bald wieder vorbeizukommen, damit es vollendet werden konnte.

4

Den ganzen nächsten Tag hielt Jurij sich vom Wodka fern. Er räumte sogar seine Wohnung auf, denn wenn Natalja ihn das nächste Mal besuchen kam, wollte er einen besseren Eindruck machen.


Als es gegen zehn Uhr am selben Abend tatsächlich an der Tür klopfte, eilte Jurij sofort hin, in der Hoffnung, Natalja stünde davor. Doch als er die Tür öffnete, blickte ihn ein grimmig aussehender Mann mit fettigen Haaren an.
„Hast du mein Geld?“, blaffte ihn der Mann namens Igor an.
„Ähm… Nein“, stammelte Jurij.. „Ich habe es noch nicht zusammen. Aber bis nächste Woche…“
„Komm mir nicht so, Bürschchen. Du gibst mir jetzt sofort alles, was du hast, sonst…“
Igor hielt Jurij seine riesige, fest geballte Faust unter die Nase.
„Ja, OK, ich geh ja schon.“ Als Jurij durch den Flur ging, bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass Igor ihm folgte. Er hatte gehofft, dass Igor an der Tür stehenbleiben würde. Jurijs Plan, Igor mit einem kleinen Betrag zu vertrösten, scheiterte völlig, denn sobald Jurij seine Geldtasche aus dem Versteck zwischen den Büchern hervorholte, schnappte sie ihm Igor weg und holte alles heraus, was darin war. Dank Nataljas großzügiger Bezahlung für das Bild war es um einiges mehr als gewöhnlich.
„Ist ja schon mal nicht so schlecht“, meinte Igor, als er das Geld in seine Jackentasche stopfte. „Ist das alles?“
Jurij nickte. Dann begann er:
„Aber du kannst nicht alles haben. Lass mir zumindest ein bisschen was, damit ich mir Essen kaufen kann.“
Igor ignorierte diesen Einwand und sagte:
„In einer Woche komme ich wieder. Wehe, du hast das restliche Geld nicht.“ Bevor er verschwand, verpasste Igor Jurij, sozusagen als Abschied, noch einen rechten Haken, der den schmächtigen Künstler zu Boden warf.
Während Jurij sich mühsam aufrappelte, spürte er, wie seine Nase zu bluten begann. Er wankte in die Küche, wo er versuchte, die Blutung zu stillen.

Einige Zeit später klopfte es schon wieder an der Tür.
„Darauf falle ich nicht nochmal rein, “ murmelte Jurij und machte ein Handtuch nass, um es sich in den Nacken zu legen. Gleichzeitig versuchte er, sich zu erinnern, wo er die Wodkaflasche hingeräumt hatte.
Es klopfte noch einmal – dann erklang eine Mädchenstimme, nur leicht gedämpft durch die dünne Wohnungstür.
„Jurij? Bist du da?“
„Verdammt!“, fluchte er und ging aufmachen. Das feuchte Handtuch hielt er sich nun einfach unter die Nase, das war im Moment sinnvoller.
Natalja blickte ihn anfangs lächelnd an, dann entgleisten ihre Gesichtszüge für einen Moment und sie wurde schlagartig ernst.
„Was ist passiert?“
„Ach, nichts weiter. Nur…“
„Nur… Was?“
„Eine kleine Unstimmigkeit über finanzielle Angelegenheiten.“
„Aha.“ Natalja hob skeptisch die linke Augenbraue, und machte einen Schritt vorwärts, was Jurij dazu veranlasste, endlich die Tür freizumachen und Natalja in die Wohnung zu lassen. Er folgte ihr in die Küche, die sie sofort zielstrebig angesteuert hatte. Dort machte sie es sich aber nicht wie das letzte Mal bequem, sondern überredete stattdessen ihn, sich hinzusetzen. Sie reichte ihm eine Packung Papiertaschentücher aus ihrer Manteltasche und wies ihn an, sich die weichen Tücher in die Nase zu stopfen, um die Blutung zu stillen. Das nasse und blutverschmierte Handtuch warf sie zuerst mit spitzen Fingern ins Spülbecken, schnappte es sich dann aber noch einmal, und wusch es sorgfältig aus. Jurij saß einfach nur da und kam sich mit den Taschentuchpfropfen in der Nase ziemlich lächerlich vor.
Schließlich streifte Natalja ihren Mantel ab und setzte sich. An diesem Abend trug sie eine violette Bluse mit schwarzem Nadelstreifmuster, die sie älter aussehen ließ, als sie war.
„Wie viel Geld brauchst du?“, fragte sie plötzlich.
„Wie kommst du  jetzt auf diese Frage?“
„Du hast gesagt, du hättest einen Streit gehabt, bei dem es um Geld ging. Und deine Nase sagt mir, dass eher du jemanden Geld schuldest, als umgekehrt. Also, wie viel?“
Er nannte ihr die Summe, sagte aber gleich darauf:
„Aber falls du vorhast, mir das Geld zu leihen, nehme ich es nicht an. Ich kann es sowieso nicht zurückzahlen. Und geschenkt will ich es auf keinen Fall.“
Doch Natalja hatte schon ihre Geldtasche hervorgeholt, und ein paar Scheine auf den Tisch gelegt, sogar mehr, als er brauchte.
„Das ist weder geliehen, noch geschenkt, es ist die Bezahlung für mein Portrait“, sagte sie. Jurij wollte das Geld nicht annehmen, doch Natalja bestand darauf, sodass er sich schließlich mehrmals bedankte und sagte:
„Dann werde ich mich aber wenigstens beeilen, damit das Bild schnell fertig wird.“
Rasch räumte er das Geld weg und holte seinen Zeichenblock. Er entfernte auch noch die Taschentuchfetzen aus seiner Nase und warf sie weg. Die Blutung hatte tatsächlich aufgehört.

Während Jurij zeichnete, begann Natalja auf einmal zu reden:
„Ich bin froh, dass mein Onkel unterwegs ist. Nur wenn er nicht da ist, kann ich mich aus dem Haus schleichen. Die Bodyguards und Dienstboten kann ich überlisten, aber ihn nicht.“
„Warum machst du das überhaupt? Ich meine, so interessant ist St. Petersburg in der Nacht doch auch nicht, dass es die ganze Mühe wert wäre.“
„Naja, aber das ist die einzige Möglichkeit, die Stadt richtig kennenzulernen. Sonst bin ich immer in der Villa und wenn ich einmal rauskomme, dann nur in Begleitung. Manchmal fühle ich mich wie ein Vogel im Käfig. Diese Ausflüge in der Nacht sind die einzige Möglichkeit, die Welt einmal so zu sehen, wie sie wirklich ist.“
„Tja, so sieht sie aus, die ‚wirkliche’ Welt“, sagte Jurij und machte eine Handbewegung, die die ganze Küche umfasste. „Schäbig und schlecht geheizt.“
„Kann sein. Aber manchmal würde ich trotzdem lieber in deiner Welt leben, als in meinem Goldenen Käfig.“
„Tatsächlich? Das glaube ich nicht“, sagte Jurij unwirsch und drückte die Bleistiftspitze etwas zu fest auf, sodass Nataljas Nasenrücken schärfer wirkte als gewollt.
„Manches ist sicher einfacher, wenn man ein normales Leben lebt.“
„Ach ja? Ich glaube, dass es jemand, der ein ‚normales’ Leben lebt, sehr viel schwerer hat als du. Oder musstest du schon einmal darüber nachdenken, ob du in einem Monat noch eine Wohnung hast?“
„Nein“, gab Natalja etwas beschämt zu.
„Natürlich lebt nicht jeder so wie ich“, sagte Jurij. „Aber  das Leben der meisten Menschen in dieser Stadt ist sehr viel schwieriger, als du denkst.“
„So naiv bin ich auch wieder nicht. Ich habe schon einiges an schrecklichen Lebensumständen gesehen.“
„Das mag ja sein. Aber du läufst in der Nacht herum, siehst das eine oder andere, und danach gehst du wieder in dein wohlbehütetes Heim zurück. Du hast keine Ahnung, wie es ist, so ein Leben Tag für Tag zu führen. Im Grunde genommen geht es mir noch recht gut. Viele Menschen – sogar ganze Familien – leben inzwischen auf der Straße.“
„Das weiß ich doch“, sagte Natalja, nun fast schon wütend „aber ich kann doch auch nichts daran ändern.“
Jurij schwieg. Er setzte noch seine Signatur und das Datum unter das Bild, das inzwischen fertig war und schob es Natalja dann über den Tisch.
Während sie es betrachtete, hatte er plötzlich einen Einfall. Er holte ein weiteres Bild und legte es auf den Tisch. Es war ebenfalls ein mit Bleistift gemaltes Portrait, ganz ähnlich wie Nataljas. Doch dieses zeigte eine hellhaarige junge Frau mit eingefallenen Wangen, einem deutlich sichtbaren blauen Auge und einer Nase, die aussah, als ob sie mindestens einmal gebrochen gewesen und schief wieder zusammen gewachsen war.
Natalja begann nun, ihr Portrait zu loben, doch Jurij ging nicht darauf ein, sondern zeigte auf das andere Bild und sagte:
„Schau dir das einmal an.“
Sie betrachtete es lange, dann blickte sie Jurij an und fragte:
„Wer ist das?“
„Das ist Irina Petrova. Sie hat eine Weile hier in diesem Haus gewohnt.“
„Und wo ist sie jetzt?“
„Das weiß ich nicht. Vor vier Monaten ist sie einfach verschwunden. Ich habe keine Ahnung, was mit ihr passiert ist. Dabei waren wir wirklich gute Freunde.“
„Das tut mir leid… Aber auf diesem Bild sieht sie ja fürchterlich aus. Wer hat sie so zugerichtet?“
„Das mit der Nase war ihr Stiefvater. Der war es auch, der sie mit sechzehn von zuhause vertrieben hat. Angeblich, weil sie ihm Geld gestohlen hat.“
„Und das Auge?“
„Wahrscheinlich einer ihrer Freier. Die sind manchmal aggressiv geworden.“
„Ist sie…?“
„Ja, sie ist Prostituierte.“
„Wie alt ist sie?“
„Achtzehn, glaube ich. So genau weiß ich das allerdings auch nicht.“
„Ein Jahr älter als ich…“, murmelte Natalja. Sie blickte das Bild noch einen Moment lang nachdenklich an, dann fragte sie: „Kann ich das haben?“
„Wozu?“
„Ich will versuchen, Irina zu finden. Dabei könnte es hilfreich sein.“
„Wirklich? Das würdest du machen?“
„Ja. Ich kenne ein paar Leute, die mir dabei helfen können.“
„Es wäre so toll, wenn du sie finden könntest. Ich hatte sie wirklich gern… Aber warte, ich habe noch ein besseres Bild von ihr.“
Er verschwand kurz in seinem Schlafzimmer und kam mit einem weiteren Portrait zurück. Es zeige die gleiche Frau, aber ohne das blaue Auge und mit einem zarten Lächeln auf den Lippen.
„Ah gut“, sagte Natalja. „Das hilft sicher. Ich werde tun, was ich kann, um sie zu finden.“
„Danke!“
Natalja verabschiedet sich bald, mit den eingerollten Bildern in ihrer großen Handtasche. Jurij hoffte, dass sie Irina wirklich finden würde, konnte aber kaum daran glauben.

5

Es verging fast eine Woche, bis Natalja schließlich wieder vor Jurijs Tür stand. Sie kam gegen elf Uhr abends und in ihrer rechten Hand trug sie eine große Tragetasche aus Stoff.
„Hallo Natalja“, sagte Jurij. „Schön, dich zu sehen.“
„Hallo.“
Als er sie anblickte, unfähig, seine Frage laut auszusprechen, schüttelte sie langsam den Kopf. „Es tut mir leid. Sie ist tot.“
„Was ist passiert?“, fragte Jurij mit erstickter Stimme.
„Das ist nicht ganz klar. Vor 4 Wochen wurde sie tot ans Ufer der Newa gespült. Vielleicht war es ein Unfall, vielleicht Selbstmord, vielleicht…“ Natalja verstummte.
„Komm herein“, sagte Jurij schließlich.
Sie gingen in die Küche. Dort zog Natalja aus ihrer Tasche ein Bild in einem schönen schwarzen Holzrahmen. Es war das Portrait von Irina, auf dem sie lächelte.
„Ich dachte, du möchtest es vielleicht zur Erinnerung an sie aufhängen. Das andere ist auch hier.“ Sie zog das zusammengerollte andere Bild aus der Tasche und legte es neben das gerahmte auf den Tisch.
„Danke“, sagte Jurij. „Das ist wirklich nett. Aber eigentlich stellt sie das andere Bild viel eher so da, wie sie meistens ausgesehen hat…“
„Ich kann das auch rahmen lassen. Ich dachte nur…“
„Nein. Lass nur. Es ist schöner, sie lächeln zu sehen.“ Stumm starrte Jurij auf das Bild. Eine ganze Weile stand er wie in Trance versunken da, bis er bemerkte, dass ihn Natalja besorgt von der Seite ansah.
„Keine Sorge“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Es geht mir gut. Ich…“ Seine Stimme kippte und er schwieg. Natalja sah ihn weiter an und auch in ihren Augen standen inzwischen Tränen. Da, ganz plötzlich, umarmte sie ihn. Im ersten Moment war Jurij überrascht, doch dann zog er Natalja noch etwas näher zu sich heran und hielt sich geradezu an ihrem schmalen Körper fest. Ihr Haar verströmte einen leichten Duft nach Zimt und für einige Minuten fühlte sich Jurij wunderbar geborgen.
Doch dann wurde ihm bewusst, dass er Natalja viel länger festhielt, als es eigentlich angebracht war, und er ließ sie abrupt los. Etwas irritiert sah sie ihn an und fragte:
„Etwas besser?“
„Ja, es geht schon. Danke.“ Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und wischte sich so unauffällig wie möglich über die Augen.
„Soll ich noch ein bisschen hierbleiben?“, fragte Natalja und warf einen vielsagenden Blick hinüber zu der halbvollen Wodkaflasche, die auf dem Küchentresen stand.
„Nein. Du kannst ruhig nach Hause gehen. Ich werde mich nicht betrinken.“
„Sicher?“
„Ja. Geh nur.“
„Gut. Dann Gute Nacht.“ Sie zog ihren Mantel an und machte sich auf den Weg zur Tür.
„Natalja?“, sagte Jurij leise.
„Ja?“ Sie drehte sich um und lächelte ihn an. „Was ist denn?“
„Könntest du vielleicht doch…? Nur für eine halbe Stunde…?“
„Natürlich.“

Natalja blieb deutlich länger als eine halbe Stunde. Sie brachte Jurij dazu, ihr von Irina zu erzählen. Und obwohl die Erinnerung an sie schmerzte, half ihm das Reden. Es erleichterte ihm, zu begreifen, was geschehen war und es ein wenig zu verarbeiten.
Etwas später erzählte ihm Natalja von ihren Eltern, einer Russin und einem Italiener, die bei einem Autounfall gestorben waren, als Natalja noch sehr klein gewesen war. Besonders ihre Mutter hatte sie innig geliebt und trug, um immer ein Andenken an sie zu haben, stets ein Kleidungsstück in deren Lieblingsfarbe.
Auch Jurij erzählte von seiner Familie, seiner liebevollen aber passiven Mutter und seinem Vater, der nie verstanden hatte, warum Jurij so anders war als sein älterer Bruder Pawel und ausgerechnet Künstler werden wollte. Er erzählte auch davon, wie er schließlich mit 19, mitgerissen von der allgemeinen Aufbruchsstimmung, von zu Hause weggegangen war und sich seitdem 4 Jahre lang mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte. Oft hatte er daran gedacht, zurückzugehen, aber sein Stolz und der trotzige Wunsch, es allein zu schaffen, waren immer stärker gewesen.

Irgendwann kurz nach vier Uhr stellte Natalja, die keine Spur von Müdigkeit zeigte, fest, dass es für sie nun Zeit wurde, aufzubrechen, wenn sie es noch unentdeckt nach Hause schaffen wollte. Jurij bot ihr an, sie zumindest ein Stück des Weges zu begleiten, doch sie wollte lieber allein gehen.
Als sie sich an der Tür verabschiedeten, umarmte sie ihn noch einmal und plötzlich berührten ihre weichen Lippen für einen Moment die seinen – ein federleichter Kuss. Sekunden später war Natalja auch schon weg und Jurij blieb zurück, verwirrt, aber auch auf eigenartige Weise glücklich.

An den nächsten vier Abenden kam Natalja nicht vorbei und Jurij befürchtete, dass ihre späte Heimkehr bemerkt worden war und sie jetzt noch stärker überwacht wurde. Diese Befürchtung und die Trauer um Irina ließen ihn mehr als einmal nach der Wodkaflasche greifen. Doch jedes Mal zog er die Hand wieder zurück, und griff stattdessen zu Bleistift und Papier. Er zeichnete aus dem Gedächtnis unzählige Portraits, einige von Irina, doch die meisten von Natalja. Es schien ihm, als ob er jeden Teil ihres Gesichts, jede Locke ihres Haars kennen würde.
Und dann, nach fünf Tagen, stand Natalja wieder vor der Tür. Von da an kam sie fast jeden Abend vorbei, zumindest aber jeden zweiten oder dritten. Sie schien jetzt raffinierter in ihren Ausbruchstechniken geworden zu sein, und sich nicht einmal mehr vor ihrem Onkel zu fürchten.
Jurij und Natalja unterhielten sich, er zeichnete sie, füllte ganze Blöcke mit Zeichnungen von Natalja, wie sie lachte, Natalja, wie sie mit größtem Eifer von etwas erzählte oder über irgendein Thema diskutierte, Nataljas Augen, Nataljas Lippen. Manchmal lasen sie sich gegenseitig aus einem Buch von Dostojewski vor, den sie beide mochten. Und immer wieder küssten sie sich.
Einmal blieb Natalja bis in die Morgenstunden bei Jurij. Er wusste nicht, was sie für einen Trick angewendet hatte, um so lange bleiben zu können. An diesem Abend wirkte sie müde und traurig, wollte aber offenbar nicht nach Hause. Nach einer Weile legten sie sich angezogen nebeneinander auf Jurijs Bett. Es dauerte nicht lange, dann war Natalja eingeschlafen, dicht an Jurij geschmiegt, den Kopf auf seiner Brust. Sie weinte und redete leise im Schlaf. Vorsichtig hielt er sie in den Armen und hatte das Gefühl, ein zartes, verletzliches Wesen zu beschützen. Im Morgengrauen stand sie auf,  und bevor sie die Wohnung verließ, sagte sie ihm, dass am Vortag der Todestag ihrer Eltern gewesen war.

Mit der Zeit hatten sie das Gefühl nicht mehr ohne einander leben zu können und jede Minute ohne Natalja war für Jurij fast unerträglich. Bei Natalja war er sich nie ganz sicher, da sie trotz ihrer scheinbaren Offenheit anderen Menschen gegenüber ihre Gefühle nie vollständig preis gab. Doch die Momente, wenn sie lächelnd vor seiner Tür stand, und sich ihm regelrecht an den Hals warf, gaben ihm die Gewissheit, dass sie zumindest ähnlich fühlte wie er.

Und dann, nach drei wunderbaren Wochen, in denen sie sich fast täglich gesehen hatten, tauchte Natalja auf einmal gar nicht mehr auf.

10.2.09 21:10





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