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6. Kapitel

6


Während der ersten paar Tage wunderte sich Jurij nur ein wenig darüber, dass ihn Natalja nicht besuchen kam. Doch als eine Woche vergangen war, und sie sich noch immer nicht hatte blicken lassen, begann er, sich Sorgen zu machen. Er hätte sich zumindest irgendeine kleine Nachricht erwartet, in der sie ihm mitteilte, was los war. Doch nichts kam. Es war, als ob Natalja ganz einfach vom Erdboden verschwunden wäre.
Einmal nahm Jurij den langen Weg quer durch die ganze Stadt auf sich, und stand schließlich vor der riesigen Villa, in der Natalja wohnte. Er traute sich aber nicht, zu läuten und nach Natalja zu fragen. So stand er nur eine Weile vor dem schmiedeeisernen Tor und blickte hinauf zu den Fenstern der Villa. Einmal bewegte sich im ersten Stock ein Vorhang und für einen Moment hatte Jurij das Gefühl, dass jemand zu ihm herunterschaute. Doch er konnte niemanden am Fenster entdecken und es geschah auch nichts weiter. Schließlich kam ein Mann im schwarzen Anzug aus dem Haus und vertrieb Jurij, der ihm wohl verdächtig vorgekommen war. Niedergeschlagen machte sich Jurij auf den Weg nach Hause.

Es verging noch eine Woche, dann eine weitere, und Jurij, der anfangs fürchterlich unter der Trennung von Natalja gelitten hatte, fand sich irgendwie damit ab, dass er sie verloren hatte. Insgeheim dachte er manchmal, dass Natalja ganz einfach genug von ihm und seiner ärmlichen Existenz gehabt hatte. Und obwohl er daran nicht so recht glauben konnte, verwandelte sich seine Trauer um Natalja langsam in Wut auf sie, und er wurde immer verbitterter.

Schließlich ergab er sich wieder in sein eintöniges Leben, das nun umso schlimmer war, weil er eine Alternative dazu kennengelernt hatte.
Er versuchte, so wenig wie möglich zuhause zu sein, und trieb sich bis spät abends in den Straßen von St. Petersburg herum. Obwohl er es sich nicht eingestand, hoffte er insgeheim, bei diesen Wanderungen einmal auf Natalja zu treffen. Doch auch diese kleine Hoffnung wurde enttäuscht.
Inzwischen ging er auch wieder regelmäßig auf den Alexanderplatz, um seine Bilder zu verkaufen. Das Geschäft lief noch schlechter als gewöhnlich, denn um diese Jahreszeit waren kaum Touristen in der Stadt.
Eines Nachmittags packt er, wie so oft, nach ein paar ergebnislosen Stunden seine Sachen ein, und machte sich auf den Heimweg. Als er an einem Zeitungskiosk vorbei kam, blieb er für einen Moment stehen, um sich die Titelseiten der ausgehängten Tageszeitungen und Magazine anzusehen. Es gab keine sonderlich interessanten Neuigkeiten. Doch dann entdeckte er auf dem Titelbild einer lokalen Zeitung ein Foto, das ihn dazu brachte, die Zeitung aus dem Ständer zu ziehen und sie sich näher anzusehen. Das Foto zeigte ein junges Paar und die dazugehörige Schlagzeile lautete: „Das neue Traumpaar: Natalja Morricone und Aleksej Iwanowitsch“ Jurij wollte gerade beginnen, den Artikel zu lesen, doch da kam der Zeitungsverkäufer aus dem Kiosk und sagte:
„Das ist hier keine Bibliothek. Erst kaufen, dann lesen!“
So sah sich Jurij gezwungen, das meiste von dem Geld, das er an diesem Tag verdient hatte, sofort wieder auszugeben, denn er wollte den Artikel unbedingt lesen. Als er die Zeitung endlich in Händen hielt, starrte er zuerst für eine Weile wie in Trance auf das Foto. Es zeigte Natalja, die ein violettes Cocktailkleid trug, neben einem breitschultrigen jungen Mann mit kantigem Gesicht. Jurij war zu aufgeregt, um den Text gründlich zu lesen, doch was er mitbekam, war, dass Natalja, offenbar die Nichte eines reichen Geschäftsmanns, mit dem 28-jährigen Sohn eines Großindustriellen verlobt war. Sie hatten sich vor einigen Monaten auf einem Empfang kennengelernt, und schon in vier Wochen sollte die Hochzeit stattfinden.
Deshalb hat sie sich also nicht mehr gemeldet, dachte Jurij.
Er fühlte sich innerlich leer, als er nach Hause ging. Die Zeitung hatte er weggeworfen. Er ertrug es nicht, Nataljas Gesicht zu sehen.
In seiner Wohnung sammelte er alle Portraits ein, die er von Natalja hatte,  und stopfte sie, da er es nicht übers Herz brachte, sie zu vernichten, in den hintersten Winkel seines Kleiderschranks. Doch selbst dort ertrug er ihre Anwesenheit nach einer Weile nicht mehr und so zerrte er sie wieder hervor und warf sie ihn den Ofen, wo er ihnen beim Verbrennen zusah. Danach legte er sich ins Bett und verließ es für drei ganze Tage und Nächte nur, um aufs Klo zu gehen oder ein Glas Wasser zu trinken. Als er nach drei Tagen schließlich um vier Uhr morgens aufstand, fühlte er sich schwach und ausgelaugt.
Trotzdem verließ er seine Wohnung, und taumelte durch die menschenleere Stadt, bis er irgendwann auf einer Brücke über die Newa stand. Er stieg halb über das Brückengeländer, einen Fuß hatte er noch auf sicherem Grund, der andere schwebte in der Luft. So verharrte er eine Weile auf dem Geländer sitzend. Schließlich schwang er das eine Bein zurück und stand wieder auf festem Boden. Das war keine im eigentlichen Sinne lebensbejahende Geste, er fühlte nur, dass es ein übereilter Schritt gewesen wäre, jetzt zu springen. Und ein kleines Stimmchen in seinem Kopf sagte auch: Das ist sie nicht wert.
Jurij ging weiter, und langsam wurden die Straßen etwas belebter. Als die Sonne aufging,  bemerkte Jurij etwas, dass ihm fürchterlich ironisch erschien: es war Frühling. Bäume blühten, Vögel zwitscherten, und es war wärmer geworden. Jurij hatte den Jahreszeitenwechsel bisher kaum bemerkt, und ausgerechnet jetzt sprang ihm der Frühling geradezu ins Gesicht, die Zeit der Liebe, der Hoffnung, des Neubeginns. Nur eine weitere kleine Grausamkeit des Lebens.

Im Grunde genommen war Jurij zu dem Leben zurückgekehrt, das er geführt hatte, bevor er Natalja kennengelernt hatte. Nur, dass jetzt alles etwas extremer war, als zuvor. Er schlief kaum, aß unregelmäßig und selten und trank viel mehr als früher. Nach einer Weile gab er sogar das Zeichnen auf, weil ihm nichts mehr gelang. Er wusste zwar, dass er sich langsam selbst zugrunde richtete, unternahm aber nichts, um etwas daran zu ändern. In gewisser Weise war er sogar zufrieden.
Innerhalb kürzester Zeit hatte Jurij wieder riesige Schulden bei Igor. Er plante nicht, diese zurückzuzahlen und ließ sich auch durch nichts, nicht einmal durch Gewaltandrohungen, dazu bewegen. Er wollte nur immer noch mehr Geld.
Irgendwann weigerte sich Igor, ihm noch mehr zu geben. Er hatte allerdings einen Vorschlag für Jurij. Igor hatte einen Einbruchsplan, für den er noch einen Komplizen brauchte. Wenn Jurij mitmachte, würde er einen Anteil der Beute bekommen.

12.2.09 17:04
 


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